Conrad Westpfahl

23. November 1891 – 23. Juli 1976

Link zu ausführlichen Informationen zum Nachlass Conrad Westpfahl

1891
am 23. November in Berlin geboren

1907–11
Studium bei Emil Orlik

ab 1910
in Meisterklasse für Graphik

1911–12
Studium an der Kunstakademie in München bei Habermann

1913–14
Besuch der Akademie Ranson in Paris bei Félix Valloton

1914–18
Kriegsdienst als Batterieführer und Flieger

1918–21
Wohnsitz in Berlin

1921
Meisteratelier an der Dresdner Kunstakademie

1925–26
Erste Reise nach Italien, Ausstellungen der Berliner Secession

1927
Erste Einzelausstellung in der Münchner Galerie Goltz

1928
Interesse an abstrakter Kunst

1930–33
Aufenthalt in Paris, Begegnung mit Max Ernst und Pablo Picasso, Bekanntschaft mit Georges Braque und Fernand Léger

1932
Erste abstrakte Collagen

1933
Rückkehr nach Berlin

1934–39
Schließung einer Ausstellung in Stuttgart durch die Nationalsozialisten

1936
Berufsverbot, Emigration nach Griechenland

1937–39
Ausstellungen in Athen

1939–40
erzwungene Rückkehr nach Deutschland, Malverbot, Atelier in Pöcking bei München, heimliche Porträtaufträge

ab 1944
Freundschaft zu Ernst Wilhelm Nay

1946
Beginn seiner Publikationen über Kunst

1947–49
Teilnahme an der Augsburger Ausstellung „Extreme Malerei“, Ausstellungen in der Galerie Günther Franke in München

1950
Freundschaft zu Winter, Gilles und Vedova, Teilnahme am „1. Darmstädter Gespräch“, Umzug nach München

1951–52
Erste Ausstellung mit rein abstrakten Arbeiten im Kunstverein München

1953
Einzelausstellung Museum Witten, Kunsthalle Recklinghausen, Teilnahme an der Biennale in Sao Paulo

1955–57
Teilnahme an den Ausstellungen der Gruppe ZEN 49 als Gast

1958
Teilnahme an der Marzotto-Preis-Ausstellung in Mailand, München und Paris

1960–71
Umzug in das Schloß Birnfeld bei Stadtlauringen in Unterfranken

1961
Einzelausstellung in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München

1961–62
Ehrengast der Villa Massimo in Rom, erste Einzelausstellung in Paris, Ehrengast der Villa Romana in Florenz

1963
Seerosenpreis der Stadt München

1972
Beginn der Albenbilder

1976
dreimonatiger Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom

1976
Westpfahl stirbt am 23. Juli in Wetzhausen.

Nachlass

2007 erwarben wir den Nachlass des Künstlers Conrad Westpfahl (1891–1976). Noch heute sind wir durch einen freundschaftlichen und vertrauensvollen Austausch mit Melchior Happel, dem Neffen von Westpfahl, verbunden.

Als sich Anfang der 1930er Jahre Westpfahls Weg in die Abstraktion abzeichnete, hatte sich der Künstler bereits über 20 Jahre mit Kunst auseinandergesetzt. Conrad Westpfahl, ein gebürtiger Berliner und Sohn des Bildhauers Ernst Westpfahl, studierte von 1907-11 an der Lehranstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums bei Emil Orlik und ab 1911 an der Münchner Kunstakademie bei Hugo von Habermann. Bereits 1914 lockte Westpfahl die Kunststadt Paris, wo er bei Felix Valloton an der privaten Académie Ranson studierte und sich mit Renoir, Cezanne und den Impressionisten befasste. Nach dem 1. Weltkrieg, in dem er auch in der Fliegerstaffel eingesetzt war, widmete er sich weiter seinen Studien und bezog ab 1921 ein Meisteratelier bei dem Jugendstilkünstler Ludwig von Hofmann in Dresden. 1923 heiratete er die Schriftstellerin Ingeborg von Holtzendorff. 1926 kam ihr Sohn Helmut Konrad Joachim auf die Welt. Ein Jahr später fand in der Galerie Hans Goltz in München Westpfahls erste Einzelausstellung mit Arbeiten aus der Zeit an der Académie Ranson statt. In den 1920er Jahren hielt Westpfahl seine Familie mit Privatunterricht in Kunstgeschichte, dem Verkauf von Druckgraphik und vereinzelten Bildern, wie 1925 dem Leinwandbild „Aktäon“ durch die Berliner Sezession, über Wasser.

Galerie Maulberger Conrad Westpfahl Publikation Zeitzeugen Seite 89

Eine intensive Zeit der Studienreisen nach Italien und der Provence, der künstlerischen Arbeit in französischen Künstlerkolonien und Aufenthalten in Paris schloss sich an. Der Austausch mit Künstlerkollegen und Kunstkritikern, wie mit dem einflussreichen Kunstkritiker Michel Seuphor und dem surrealistischen Maler Wolfgang Paalen in den Jahren 1926/27 sowie die Lektüre über abstrakte Kunst, wie die Schriften über Purismus von Amédée Ozenfants, prägten den stark reflektierenden Westpfahl.

Westpfahl gelang es gerade durch seine Affinität zum intellektuellen und philosophischen Austausch über Malerei, sich in dem aktiven Kunstgeschehen in Paris Anfang der 1930er Jahre zu verankern. Begegnungen mit bedeutenden Künstlerkollegen der modernen École de Paris, wie Robert und Sonja Delaunay, Picasso oder Max Ernst, ließen ihn in das Spannungsfeld unterschiedlichster abstrakter Strömungen eintauchen.

Galerie Maulberger Conrad Westpfahl Publikation Zeitzeugen Seite 90

In den Jahren 1932/33 näherte sich Westpfahl der Abstraktion über die Technik der Collage. Seine „Papier collés“ sind teilweise auf Seiten der Kirchengeschichte von Claudius Fleury gefertigt und offenbaren deutlich den Einfluss von Max Ernst und Pablo Picasso.

Im April 1933 zog die Familie Westpfahl von Sevres bei Paris nach Berlin in die Lützowstraße. Eine durch die Nationalsozialisten geschlossene Westpfahl-Ausstellung in Stuttgart im Jahr 1934 alarmierte das Ehepaar und führte aus Angst vor Diffamierung und Verfolgung aufgrund der jüdischen Abstammung von Westpfahls Mutter noch im gleichen Jahr zur Emigration nach Griechenland: „1934 wurde in Stuttgart meine Ausstellung geschlossen. Das Phantom Hitler war in Aktion getreten. Ich spürte weniger das Wuchern dieser Magie als die Verunruhigung, die die Welt befiel“.

Bereits seit ihrer Studienzeit fühlte sich Inge Westpfahl der Kultur, der Geschichte und Sprache Griechenlands verbunden. Die radikale erzwungene Zäsur und das neue Umfeld führten bei Westpfahl zur Rückkehr in die Figuration, sicherlich auch angeregt durch die intensive Auseinandersetzung des Ehepaars mit der griechischen Mythologie. Enge Kontakte zur progressiven Literatenszene Athens und dadurch vereinzelt stattfindende Westpfahl-Ausstellungen gab es zwar, doch war das Gefühl der inneren Zerrissenheit der Westpfahls und die Sorge um die weitere politische Entwicklung in Deutschland, konkret um die in Berlin verbliebene Mutter, vorherrschend. Durch den griechischen Kulturminister Prevelakis erhielt Westpfahl die Möglichkeit, 1937 nach Paris zur Weltausstellung und der Präsentation von Picassos „Guernica“ zu reisen und den Kunsthändler Ambroise Vollard, Picasso und seinen Künstlerfreund Wolfgang Paalen wiederzusehen. Im März 1939 organisierte der Galerist Günther Franke eine Westpfahl-Ausstellung im Palais Almeida in der Brienner Straße 13 in München, noch bevor Westpfahl sich im selben Jahr – bedingt durch den Ausbruch des 2. Weltkriegs – gezwungen sah, nach Deutschland zurückzukehren. Die Galerie Franke sollte für Westpfahl so etwas wie eine geistige Heimat werden. Günther Franke gelang es in seiner Galerie und seinem Haus in Seeshaupt am Starnberger See, geheime Treffen von Künstlern zu organisieren, die in innerer Emigration an ihrem künstlerischen Schaffen festhielten. Westpfahl fand mit seiner Familie ganz in der Nähe, in Pöcking am Starnberger See, im Haus des Opernsängers Heinrich Knote Zuflucht, nachdem er im Juni 1940 mit Malverbot belegt worden war. Durch heimliche Porträtaufträge konnte Westpfahl mehr schlecht als recht den minimalen Verdienst seiner Familie sichern. 1941 erhielt Westpfahl dann die Nachricht vom mysteriösen Tod der Mutter, die, wie inzwischen belegt, von den Nationalsozialisten zunächst in eine psychiatrische Anstalt in Berlin verschleppt und dann nach Chelm nahe dem KZ in Lublin abtransportiert worden war und dort starb. Der nächste Schlag kam für Westpfahl 1944, als nahezu das gesamte Frühwerk durch einen Bombenangriff auf das Berliner Elternhaus zerstört wurde. Glücklicherweise waren die frühen Pariser Collagen davon nicht betroffen. Nach dem Krieg waren fünf dieser rund 40 Pariser Arbeiten 1947 in der legendären Ausstellung „Extreme Malerei“ im Augsburger Schaezler-Palais ausgestellt.

Conrad Westpfahl, der wie Theodor Werner durch seine Aufenthalte in Paris wertvolle Kenntnis abstrakter Strömungen vor dem Zweiten Weltkrieg erworben hatte, agierte als eine Art Bindeglied zu der jüngeren Künstlergeneration. So war Westpfahl neben Willi Baumeister, den Kunstwissenschaftlern Werner Haftmann, Will Grohmann, Franz Roh, Ludwig Grote oder Anthony Thwaites eine wichtige Figur im Netzwerk, das der sich neu konstituierenden Abstraktion nach ’45 den geistigen Boden bereitete. Seine Überzeugungen gab Westpfahl in einer regen Vortragstätigkeit ab 1946 in renommierten Institutionen in der Schweiz und Süddeutschland kund. Dazu kamen zahlreiche Ausstellungseröffnungen, beispielsweise von Ernst Wilhelm Nay in der Galerie Günther Franke in den Jahren 1946 und 1948. Westpfahl selbst hatte bei Franke in den Jahren 1947 und 1949 Einzelausstellungen. 1947 verfasste Westpfahl in der Zeitschrift „Aussaat“ einen Aufsatz „Zur abstrakten Kunst“, in dem er formulierte, „dass die ungegenständliche Malerei im Offenen und Vieldeutigen ihre Bestimmung habe“, in der Rückschau eine Aussage, die wie eine Art weise Vorahnung anmutet und bereits zwei Grundprinzipien informeller Kunst antizipiert. Für Franz Rohs Zeitschrift „Kunst“ schrieb Westpfahl 1948 und dann ab 1949 in dessen kunstwissenschaftlicher Monatsschrift „Die Kunst und das schöne Heim“ Beiträge (Abb. oben). Die 1948 publizierte Anthologie „Zur Deutung des Bildhaften“ mit 19 Aufsätzen und Vorträgen gibt uns Aufschluss über Westpfahls theoretische Auseinandersetzung und seine Aktivitäten dieser Zeit. Als Mitglied der 1946 in München gegründeten „Neuen Gruppe“ war Westpfahl mit seinen Arbeiten 1947 und 1948 im Lenbachhaus in München sowie 1950 im Haus der Kunst beteiligt. Die „Neue Gruppe“ verfolgte „das Anliegen, diejenigen Künstler zu vertreten, die sich im Besonderen um die modernen bildnerischen Probleme bemühen, ohne sich dabei doktrinär auf eine Kunstrichtung festzulegen.“ Der Fokus der Künstlergruppe kam Westpfahl sehr entgegen, reflektierte er selbst seinen künstlerischen Weg ab 1945 als intensive Suche nach einer „Geschlossenheit der Farbvorstellung“, ohne jedoch die dynamisch gefügte Bewegung auf der Bildfläche einzudämmen, wie Westpfahl sich Franz Roh 1949 anvertraute.

Im Ulmer Museum eröffnete Westpfahl 1950 seine eigene Einzelausstellung mit dem Vortrag „Zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit“, ein bezeichnender Titel, der seine eigene künstlerische Entwicklung dieser Zeit konstatiert und seine offene Haltung in stilistischer Hinsicht verrät. Der Themenkreis der griechischen Mythologie sollte für Westpfahl, wie beispielsweise auch für Hann Trier oder Ernst Wilhelm Nay, auch noch in der Zeit nach 1945, sowie teilweise in den späteren Jahrzehnten ein motivisches Anregungspotential bieten. Alfred Hentzen reflektierte 1950 in der Kestnergesellschaft Hannover die Faszination an der Mythologie in der Ausstellung „Antiker Mythos in der neuen Kunst“ im Sinne eines zu dieser Zeit gerne kolportierten Kontinuitätsgedankens. Westpfahl hatte sich auf die Einladung Hentzens hin an dieser Ausstellung beteiligt.

Nichtsdestotrotz setzte sich Westpfahl vehement für die Abstraktion ein, als er im legendären „Darmstädter Gespräch“ 1950 gemeinsam mit Willi Baumeister, Rolf Cavael, Johannes Itten, Alexander Mitscherlich und Theodor W. Adorno gegen die fanatischen Vertreter der Figuration, Hans Sedlmayr und Karl Hofer, Stellung bezog.

Westpfahls literarische wie pädagogische Begabung wäre für jede Kunstakademie dieser Zeit ein Glücksfall gewesen. Doch scheiterten seine Vorschläge zur Umstrukturierung in München, ebenso wie seine Bewerbungen für Professuren in Stuttgart und Nürnberg, an den stark rückwärtsgewandten Kräften, die einer grundlegenden Neukonzeption entgegenwirkten. Denn offensichtlich war, dass Westpfahl für eine offene und freiheitliche Haltung stand, die er als Voraussetzung für neue künstlerische Wege begriff.

Umso erstaunlicher ist es, dass Westpfahl – obwohl er 1949 in der Überblicksausstellung „Kunstschaffen in Deutschland“ im Münchner Art Collecting Point vertreten und seit Ende der 1940er Jahre eng mit dem Gründungskern der Künstlergruppe ZEN 49 verwoben war – erst ab 1955 eingeladen wurde, an den Ausstellungen von ZEN 49 teilzunehmen. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass Westpfahl wohl zunächst versuchte, die Abstraktion geistig zu durchdringen und sich über die Ausdruckskraft der Sprache einer für die Zeit adäquaten unkonventionellen Bildgestaltung anzunähern. So gab es wohl von Seiten der Gründungsmitglieder Vorbehalte der Kunst Westpfahls gegenüber, obwohl Westpfahls Ausrichtung schon durch seine geistige Auseinandersetzung mit Abstraktion allgemein bekannt war. Eine gewisse Konkurrenzsituation der Galerien Franke und Stangl, einer der großen ZEN 49-Förderer der ersten Stunde, könnte in dem Kontext eine Rolle gespielt haben, denn auch Ernst Wilhelm Nay, ebenfalls ein „Franke-Künstler“, kam erst 1955 als Mitglied zu ZEN 49.

Galerie Maulberger Conrad Westpfahl Publikation Zeitzeugen Seite 94_95

Bereits 1947 schrieb Westpfahl an Fietz: „… Ich muss Farbe gewinnen aus der Materie heraus, aus den plastischen Werten heraus, aus den Strukturen, die mich so eminent bewegen. …“ Als Westpfahl 1952 eine Einzelausstellung im Kunstpavillon des Alten Botanischen Gartens in München zeigte, hatten die abstrakten Bildelemente die figurative Auffassung bereits komplett verdrängt. Die Arbeit mit dem bezeichnenden Titel „Eigenleben der Mechanismen“ (Abb. oben) mag ein Beispiel dafür sein, wie Westpfahl sich bei aller zeittypischen Gestaltung neue Ausdrucksmöglichkeiten erschloss, bezüglich der Materialsensibilität, der Verschränkung von Fläche und Bildraum, der Reduktion der Farbigkeit zugunsten der bildnerischen Aussage sowie einer beeindruckenden Präsenz der Bildmittel.

Diese „neuen grammatikalischen Impulse“, die Westpfahl in der Kunst verfolgte, waren denn auch Gegenstand vieler Gespräche, in denen sich Westpfahl mit Ernst Wilhelm Nay in seinem Atelier, diversen Schwabinger Lokalen und auch öffentlichen Podiumsdiskussionen, wie 1952 bei Franke oder 1953 in der Kölner Galerie DER SPIEGEL, austauschte. Auf diese Art und Weise entstand zwischen den beiden Künstlerkollegen eine fruchtbare Freundschaft. Westpfahl liebte den lebendigen geistigen Austausch mit Künstlerkollegen, neben Nay u.a. mit Gerhard Fietz, Fritz Winter, Armin Sandig sowie den Kunsthistorikern Franz Roh und Werner Haftmann. Im Jahr 1952, als in der Frankfurter Zimmergalerie Franck die „Quadriga“ aus K.O. Götz, Bernard Schultze, Otto Greis und Heinz Kreutz zur Keimzelle des Informel avancierte, sprach Westpfahl im Münchner Amerikahaus in der Gründungsrede für den Verein „Freunde junger Kunst“ unter Franz Roh vom „Einbruch der Zeitdimension in die Bildgestaltung“ als einer wichtigen Zäsur in der Kunst und dies, lange bevor die Informellen den Wirkradius ihrer jungen Kunstrichtung abzuschätzen vermochten.

In der Galerie Ophir, in der 1953 die dritte Ausstellung der Gruppe ZEN 49 stattfand, organisierte Gustl Böhler gleich im Anschluss Einzelausstellungen von Kricke, Thieler und Westpfahl. In der Westpfahl-Ausstellung wurde der Kunsthistoriker Ludwig Grote, der sich neben Roh und Thwaites für ZEN 49 engagierte, fündig und wählte drei Leinwände für die II. Biennale des Museu de Arte Moderna in Sao Paolo aus, darunter das „Zeichenmonument“ von 1953 (Abb. unten). Mit dem Aufbau kraftvoller schwarzer Zeichen, die wie Bänder das Bildgefüge festigen, und den schlaglichtartig leuchtenden Farbakzenten, findet Westpfahl in dieser Zeit zu ähnlichen Bildlösungen wie Rolf Cavael, Heinrich Wildemann und Fritz Winter.

Galerie Maulberger Conrad Westpfahl Publikation Zeitzeugen Seite 96

1954 sollte sich ein inniger Wunsch Westpfahls erfüllen, sein „glühendes Interesse an Pädagogischem“ umzusetzen. Westpfahl wurde als Gastdozent an die Hochschule für Bildende Künste in Hamburg berufen. Gustav Hassenpflug, dem Direktor der Landeskunstschule in Hamburg, gelang es in einem ambitionierten Projekt, die abstrakte Lehre durch eine Folge von Dozenten in Hamburg zu etablieren. Eng getaktet unterrichteten dort in einem Zwei-Monate-Turnus neben Westpfahl auch Cavael, Fassbender, Fietz, Meistermann, Nay, Trier und Winter.

In ebendiesem Jahr kam Werner Haftmanns Standardwerk „Malerei im 20. Jahrhundert“ heraus, in dem Westpfahl besprochen wurde. Haftmann, mit dem Westpfahl eine enge Freundschaft und ein jahrzehntelanger Briefwechsel verband, hatte sich für Westpfahl eingesetzt, so dass 1954 in der Hamburger Kunsthalle eine Einzelausstellung Westpfahls stattfand. Anlässlich einer Kollektivausstellung der Galerie Franke im selben Jahr begegneten sich Westpfahl und Baumeister zu einem öffentlichen Gespräch, um über „Grundfragen“ zu diskutieren. 1955 erhielten die Mitglieder der Gruppe ZEN 49 eine Wahlkarte, mit dem Aufruf, sich für die vorgeschlagenen Gäste Götz, Kricke, Ritschl, Brust, Schultze, Ackermann und Westpfahl auszusprechen. Seit diesem Zeitpunkt war Westpfahl an den Ausstellungen der Künstlergruppe beteiligt, zuallererst in der stark wahrgenommenen ZEN 49-Ausstellung in der Städtischen Galerie im Münchner Lenbachhaus und den weiteren Stationen, der Hamburger Kunsthalle und dem Wallraff-Richartz-Museum in Köln. Es ist anzunehmen, dass Westpfahls Bild „Zeichenmonument“ (Abb. oben) in diesen Ausstellungen zu sehen war. 1956/57 ist Westpfahl mit 8 Arbeiten an der amerikanischen Ausstellungstournee der Gruppe ZEN 49 vertreten. Diese Wanderausstellung sollte die Krönung und gleichzeitig das Ende von ZEN 49 bedeuten.

In dieser Zeit führte Westpfahl neben Ausstellungsteilnahmen, wie im Haus der Kunst seine Vortragstätigkeit über „Abstraktion“ fort. Als Westpfahl 1958 die von Arnold Rüdlinger organisierte Ausstellung „Die neue amerikanische Malerei“ in der Kunsthalle Basel besuchte und dort Werke von Sam Francis, Franz Kline, Willem de Kooning, Robert Motherwell, Barnett Newman, Jackson Pollock und Clifford Still im Original sah, muss ihn diese Ausstellung nachdrücklich bewegt haben, denn in Westpfahls Malerei hinterließ sie eine deutliche Zäsur (Abb. unten). Sind in Westpfahls Arbeiten bis 1957 formal akzentuierte und kompositionell gebaute Bildgewebe charakteristisch, geriet der Bildraum ab 1958 stark in vibrierende Bewegung. Die Linie emanzipierte sich und avancierte, Strich, Farbe und Fläche zugleich, zum wichtigsten Ausdrucksträger seiner Malerei.

Galerie Maulberger Conrad Westpfahl Publikation Zeitzeugen Seite 98_99

Sicherlich werden Westpfahls Erlebnisse als Flieger für ihn eine differenzierte Wahrnehmung angestoßen haben. Auch Sam Francis, Karl Otto Götz und Herbert Zangs verweisen auf die existentielle Erfahrung durch das Fliegen, das ihre Kunst maßgeblich beeinflusst hat. Das Erleben von Geschwindigkeit, der rasante Wechsel von oben und unten, sich schnell verändernde Ansichten und ein abstrahierender Blick der Welt gegenüber, prägten Westpfahls Auffassung des Bildraums: „Mein Vorhaben ist, ein Steigen und Stürzen von Räumen zu erzeugen, in denen ich mich aufgehoben fühle. Da dieses Steigen und Stürzen im Verfahren des Machens selbst zustandekommt und aus einer mir entgegenstehenden Fläche gebildet werden muss, kann es sich nicht als vorgestelltes Ziel vor mir befinden, sondern wird im Machen selbst erfunden, … „, schilderte Westpfahl 1963. Das ambivalente Erlebnis des Fliegens war für Westpfahl immer wieder ein Erfahrungsraum, aus dem er für seine Arbeiten schöpfte, wie in „Gewitter“ (1959) (Abb. unten), „Gewittriger Flug“ (1960) oder die Werkfolge „Nachtflug“ (1973), in der er offensichtlich den, dem Tod geweihten „Nachtflug“ des Postfliegers Fabien von Antoine de Saint-Exupéry (1931) verarbeitete.

Galerie Maulberger Conrad Westpfahl Publikation Zeitzeugen Seite 101

Die Teilnahme an der Wander-Ausstellung des Premio Marzotto (Stationen in Italien, dem Haus der Kunst in München und dem Musée National d’Art Moderne in Paris) in den Jahren 1958/59 stellte für Westpfahl eine besondere Herausforderung dar, beabsichtigte er doch, seine soeben entwickelte informelle Bildsprache in großen Leinwandformaten zu realisieren.

In einer der wichtigsten kunstwissenschaftlichen Zeitschriften der 1950er Jahre, „Das Kunstwerk“, setzte sich Westpfahl mit dem provokanten Titel „Das Nicht-Informelle“ 1959 mit den Inhalten des Informels auseinander. Mit der Aussage „Das Geschehen bringt seinen eigenen Raum mit“, vollzog er die Kategorien des Malprozesses nach. Zudem legt diese These Zeugnis ab von dem Vertrauen des Künstlers in die ihm „zufall“-enden Impulse im Malprozess. Das Bildgeschehen involviert gleichermaßen die Reaktionen des Künstlers, die, der Eigenlogik der Bildmittel nachspürend, das Bild zur Entfaltung bringen.

Die starke poetische Ader, die seine Texte über Kunst kennzeichnet, prägte gleichermaßen sein künstlerisches Schaffen. Werner Haftmann erwähnte Westpfahls Malerei in ebendiesem Sinn in dem Ausstellungskatalog „German Art of the Twentieth Century“ 1957 als „meditative school of painting reflecting the poetic power of abstract forms“.

Durch die erhaltenen Stipendien der Villa Massimo in Rom 1961 und der Villa Romana in Florenz 1962 erlebte Westpfahl als Ehrengast eine äußerst intensive Zeit, in der er die Aussage seiner Bildgestaltung zu vertiefen vermochte. Zwischen diesen Aufenthalten konnte sich Westpfahl über eine überaus erfolgreiche Einzelausstellung in der Pariser Galerie Raymonde Cazenave freuen, in der „schon am ersten Tag 5 Arbeiten (vierfacher Preis wie in München) verkauft wurden“, wie Westpfahl Franz Roh wissen ließ. In den Jahren 1965/66 verraten Westpfahls Bezeichnungen der Arbeiten, wie „Mykonos“, „Delos“, „Samos“, „Rhodos“, „Zagora“, dass sich der Künstler in diesen Jahren vermehrt in Griechenland aufhielt. Das Jahr 1974 ist für Westpfahl durch den Tod seiner geliebten Frau Inge ein schmerzhafter Einschnitt, von dem sich der Künstler nicht mehr erholt. 1976 hielt sich Westpfahl erneut als Ehrengast in der Villa Massimo in Rom auf. Die im selben Jahr stattfindende Einzelausstellung in Stadtlauringen war für Westpfahl ein großer Erfolg. Darauf folgte die Retrospektive in der Bamberger Neuen Residenz, mit weiteren Stationen in Nürnberg, Kassel und München. Westpfahl hob die Ausstellung mit seiner Eröffnungsrede am 3. Juli 1976 aus der Taufe. Am 23. Juli, zwanzig Tage später, wählte Westpfahl für sich den Freitod.

Der literarische Nachlass von Conrad Westpfahl und seiner Frau Inge, der aus kunsttheoretischen und autobiographischen Texten Westpfahls sowie rund 1000 Briefen des Ehepaars besteht, hat im Deutschen Kunstarchiv des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg im letzten Jahr seine Bleibe gefunden. Dieser Fundus ist ein einzigartiges Zeugnis, das die Situation der Kunst von 1914 an bis in die 1970er Jahre aus der persönlichen Sicht Westpfahls dokumentiert und einen wertvollen Einblick in die Beziehungen der Künstler und Kunstkritiker ermöglicht. Den Kern des Dokumentenkonvoluts bildet der Briefwechsel von Westpfahl und seiner Ehefrau Inge.

2011 hat unsere ehemalige Mitarbeiterin Nadine Engel in einfühlsamer Recherchearbeit den schriftlichen Nachlass gesichtet und ihre Erkenntnisse in den Katalog „Conrad Westpfahl – Von Dingen des Geistes”, Galerie Maulberger 2012, fließen lassen.

In dem Ausstellungskatalog „Theodor Werner / Conrad Westpfahl – Rhythmisierung im Bildraum”, Galerie Maulberger 2015/2016, näherten wir uns erneut dem Werk von Westpfahl, in einer Gegenüberstellung der Biographien, Werke und Intentionen zweier Künstler der Zwischengeneration.

Sehr hilfreich ist für die Bearbeitung des Nachlasses das außerordentlich gründlich archivierte, nahezu vollständige Werkverzeichnis von Hans-Dieter Mück, das uns ermöglicht, die Entwicklung der Arbeiten von 1932 – 1976 nachzuvollziehen. Eine separate Bearbeitung der Albenbilder gibt einen wichtigen Einblick des Schaffens von Conrad Westpfahl im Kleinformat. Verwiesen sei auch auf die im Jahr 2000 im Wienand-Verlag erschienene ausführliche Bildmonographie von Ulrich Bischoff (Hrsg.), mit Texten von Sylvia Martin, Hans-Dieter Mück und Erich Schneider.

Das in dem Typoskript seiner Biographie selbst formulierte Thema „die Bewegung des Räumlichen“ durchzieht als Grundtenor Westpfahls subtile, vergeistigte gleichwohl kraftvolle Kunst. Sein zentraler Gedanke, die Bildfläche in ein lebendiges „Schwingungsfeld“ zu verwandeln, manifestiert sich nahezu in seinen gesamten Werkphasen. Doch die bildhafte Transformierung dieses Themas gelang Westpfahl erst durch die informelle Bildgestaltung ab 1958. Die enorme Präsenz seines Strichs, den Westpfahl als „Geäder, Struktur, Durchblutung der Fläche“ wahrnahm, durchpulst von da an unverkennbar seine Arbeiten. Äußerst wertvoll für die Kunstgeschichtsschreibung der Nachkriegszeit sind Westpfahls kunsttheoretische Schriften, die zum Verständnis des Diskurses der Nachkriegszeit in Bezug auf die Abstraktion und Entstehung des Informel sowie seines eigenen Werks beitragen.

Galerieausstellungen

Cavael | Westpfahl | Wildemann – Frühwerke (2018/2019)
THEODOR WERNER / CONRAD WESTPFAHL – Rhythmisierung im Bildraum (2015/2016)
Conrad Westpfahl – Von Dingen des Geistes (2012)
Conrad Westpfahl – Ein Geflecht von tausend atmenden Einzelheiten (2008)
GÖTZ – THIELER – WESTPFAHL – Gestus und Lyrik im Informel (2007)

Publikationen der Galerie

THEODOR WERNER / CONRAD WESTPFAHL – Rhythmisierung im Bildraum (2015)
Conrad Westpfahl – Von Dingen des Geistes (2012)
Conrad Westpfahl – Ein Geflecht von tausend atmenden Einzelheiten (2008)

Fotonachweis:
Georg Schödl, Atelier, München, um 1955