Heinrich Wildemann

06. Dezember 1904 – 25. Mai 1964

Link zu ausführlichen Informationen zum Nachlass Heinrich Wildemann

1904
am 6. Dezember in Lodz/Polen geboren

1915
Übersiedlung mit der Mutter nach Schlesien, später nach Westfalen

1918
Wohnsitz in Tuttlingen

1920-23
Lehre als Modellschreiner und als Marqueteur

1924-27
Studium an der Kunstakademie in Stuttgart und an der Hochschule für Freie und Angewandte Kunst in Berlin-Charlottenburg

1927-34
Freier Maler in Berlin

1932
intensive Auseinandersetzung mit Drucktechniken, wie dem Holzschnitt

1938
Beschlagnahmung von Graphiken in der „Deutschen Graphikschau“ im Leipziger Kunstverein, Beginn einer engen Freundschaft mit Karl Schmidt-Rottluff

1939 bis 1945
Ausstellungsverbot

1944
Zerstörung des Ateliers und Verlust der meisten Arbeiten, Rückkehr nach Tuttlingen, erste abstrakte Arbeiten

1946-48
Beteiligung an der Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung in Dresden, Umzug nach Stuttgart

1947
Teilnahme an der Ausstellung „Neue deutsche Kunst“ in Mainz und „Moderne Kunst seit 1933“ in Bern

1948
Teilnahme an der Großen Kunstausstellung in München und Hamburg

1948
Rückkehr nach Tuttlingen

1949
Einzelausstellung von 90 Werken, vor allem von Graphik Wildemanns in der Kunsthalle in Regensburg, etliche Beteiligungen an Gruppenausstellungen, wie „Deutsche Malerei und Plastik der Gegenwart“ in Köln, „Kunstschaffen in Deutschland“ in München, „Kunst seit 1945“ in Darmstadt und „Kunst im Südwesten“ in Landau, Ausstellung in der Galerie Hanna Bekker vom Rath (mit Willi Baumeister)

1950
Teilnahme bei der Ausstellung der Gruppe ZEN 49 als Gast

1951
Einzelausstellung in der Universität Tübingen

1952
Einzelausstellung im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart

1955
Berufung an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart als Nachfolger Willi Baumeisters

1964
Wildemann stirbt am 25. Mai in Stuttgart.

Nachlass

2011 erwarben wir den Nachlass von Heinrich Wildemann (1904–64) von Herrn Prof. Klaus Kinter, dem wir an dieser Stelle ganz besonderen Dank sagen möchten. Jahrzehntelang setzte er sich für das Werk dieses Künstlers ein. Auch Frau Dr. Christiane Kärcher, die im Rahmen ihrer Promotion das Werkverzeichnis von Heinrich Wildemann erstellte, gilt unser Dank. Es freut uns, dass wir mit beiden in einem regen Austausch über Wildemann stehen.

Als Heinrich Wildemann 1955 die ehrenvolle Nachfolge von Willi Baumeister an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart antrat, war es ihm vor allem ein Anliegen, seinen Studenten die Abstraktion als Bildsprache näher zu bringen. Trotz der erfreulichen Entwicklungen und Ausstellungserfolge, die abstrakte und informelle Tendenzen bis 1955 verbuchen konnten, hatte die abstrakte Lehre an den deutschen Akademien so gut wie keinen Stellenwert.

Die Stuttgarter Kunstakademie avancierte durch Willi Baumeisters Omnipräsenz zu einer Hochburg der Abstraktion. Lediglich die Hamburger Kunsthochschule unter der Leitung von Gustav Hassenpflug war durch dessen Gastdozenten-Projekt in den Jahren 1954/55 äußerst aktiv in ihren Bestrebungen, die gegenstandslose Kunst zu emanzipieren. 1955 übernahm Fritz Winter, der sich ebenfalls auf den Lehrstuhl in Stuttgart beworben und eine Absage erhalten hatte, eine Professur an der Hochschule für Bildende Künste in Kassel.

Mit für die damalige Zeit ungewöhnlich fortschrittlichen Methoden sensibilisierte Wildemann seine Studenten für abstrakte Gestaltungsmöglichkeiten. Als Vorlage und Anschauungsmaterial dienten Arbeiten, die sich durch ihre formale und koloristische Reduktion auszeichnen. Viele dieser „Muster“-Arbeiten tragen am Rand von Wildemann handschriftlich notierte Anmerkungen, die seine bildnerischen Fragestellungen offenlegen. Beispielsweise korrespondieren schwarz auf weiß collagierte Farbfelder mit weißen Flächen auf schwarzem Papier. Über die erzeugte Wirkung der zwei Nichtfarben diskutierte Wildemann mit seinen Studenten.

Im Alter von 51 Jahren erhielt Wildemann den Lehrstuhl in Stuttgart. Eine bewegte Biographie lag zu diesem Zeitpunkt hinter ihm. 1904 im polnischen Lodz als Wolhynien-Deutscher geboren, kam Wildemann 1915 gemeinsam mit seiner Mutter im Zuge einer zwangshaften Umsiedlung nach Ostpreußen. Beide wurden bei der Arbeit auf Bauernhöfen und in Fabriken eingesetzt. Wildemanns Vater starb, als er 5 Jahre alt war. Nach Kriegsende, im September 1918 kamen Mutter und Sohn in das schwäbische Tuttlingen. Nach seinem Schulabschluss absolvierte Wildemann zunächst eine Modellschreiner-Lehre und im Anschluss daran eine Marketerie-Ausbildung, in der er sich mit dem Entwurf von Holzintarsien beschäftigte. Als Wildemann in Zeiten der Inflation 1923 seine Lehrstelle verlor, intensivierte er seine „selbständigen zeichnerischen Studien“, wie Wildemann in seinem Lebenslauf notierte.

Christian Landenberger erkannte zufällig Wildemanns besonders ausgeprägte zeichnerische Begabung und legte ihm nahe, sich an der Stuttgarter Akademie zu bewerben. Landenberger, der dort ab 1905 eine Professur für „Technisches Malen“ innehatte, unterrichtete beispielsweise Oskar Schlemmer. Als sogenannter „Staatenloser“ begann Wildemann 1924 sein Studium an der Stuttgarter Kunstakademie. Ein Künstlerkollege von Wildemann, Erich Waldraff, berichtete von dessen entbehrungsreichem Leben: „Ein Zimmer konnte er sich nicht leisten, vielmehr musste er sich mit einer Schlafstelle begnügen und war bald ohne alle Mittel. Wovon er lebte, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass er damals wie in den ganzen folgenden drei Jahrzehnten Zeiten des härtesten Hungers durchmachte.“

1927 setzte er sein Studium an der Kunsthochschule für freie und angewandte Kunst in Berlin fort: „Da mein Studium auch andere Möglichkeiten zu versuchen verlangt, um weiter fortzukommen, ging ich nach Berlin“, begründete Wildemann seinen Wechsel. Wiederum war Wildemann, so Waldraff, darauf angewiesen, sich durch gelegentliche Dienste für eine Gerberei seine Schlafstatt zu sichern.

Es ist anzunehmen, dass Wildemann als Student bei Robert Michel mit den avantgardistischen Kunstströmungen, wie dem Dadaismus, Konstruktivismus und Surrealismus in Berührung kam. Wildemann verfolgte jedoch seinen eigenen künstlerischen Weg. Neben dem Studium besuchte er Galerien und kopierte alte Meister, wie Rubens, Delacroix und Marées. Das für ihn wohl prägendste Erlebnis war die Ausstellung „25 Jahre Bestehen der Brücke“ im Berliner Kupferstichkabinett im Jahre 1930, in der Wildemann expressionistische Holzschnitte begeisterten: „Ich lernte durch eigene Erfahrung, angeregt durch Munch, bereichert dann durch Kirchner, und erwarb so ein neues Bewusstsein und Begriff des Holzschneidens.“ Die schweren Zeiten verschärften sich. Neben Krankheit der Mutter, Arbeitslosigkeit und Armut musste Wildemann die stetigen Ablehnungen seiner Anträge auf Einbürgerung verkraften. So konnte er mit keiner Unterstützung in Form von Stipendien von Seiten des Staats rechnen.

Konnte Wildemann noch 1936 in der „Deutschen Graphikschau“ erstmals sechs seiner Arbeiten ausstellen sowie einige seiner Graphiken an Sammler verkaufen, wurde er nach kurzer Internierung 1939 mit Ausstellungsverbot belegt. Mit Arbeiten für eine Werbe- und Dekorationsfirma verdiente er mehr schlecht als recht seinen Lebensunterhalt. Zum Kriegsdienst wurde er wegen seiner Staatenlosigkeit nicht eingezogen. Wie Günther Franke in Süddeutschland einen lebensnotwendigen Rückzugsraum für verfolgte Künstler geschaffen hatte, machte es sich die Berliner Galeristin Hanna Becker vom Rath zur Mission, Ausstellungen verfemter Künstler zu organisieren. Neben Karl Schmidt-Rottluff, Ludwig Meidner, Ernst Wilhelm Nay, Erich Heckel, Willi Baumeister, Ida Kerkovius und Theodor Werner setzte sie sich auch für Heinrich Wildemann ein. Hanna Bekker vom Rath erinnerte sich 1964: „Herr Wildemann, der Jüngste aus dem Kreis … war mir ein hilfreicher Freund, der das nicht ungefährliche Unternehmen mit Mut, Vorsicht und Selbstlosigkeit unterstützte…“

Bei Hanna Bekker vom Rath lernte Wildemann Ende der 1930er Jahre auch Karl Schmidt-Rottluff kennen. Letzterer schätzte Wildemanns Arbeit sehr und erwarb einige Bilder von ihm. Der Briefkontakt zwischen Schmidt-Rottluff und Wildemann sollte bis in die Nachkriegszeit bestehen. Wie Schmidt-Rottluffs Wohnung und Atelier im Jahr 1943 Bomben zum Opfer fielen, wurde 1944 Wildemanns Atelierraum mit einem Großteil seiner Werke und damit seine Lebensgrundlage zerstört.

Trotz dieses Schicksalsschlags hatte Wildemann wie seine Künstlerkollegen nach der langen Zeit der Repressionen und der Diffamierung nach 1945 die neu gewonnene Freiheit erfasst, die trotz der widrigen Lebensumstände eine selbstbestimmte künstlerische Weiterentwicklung versprach. Nachdem er zunächst zu seiner Mutter in Tuttlingen heimkehrte, zog Wildemann 1946 nach Stuttgart um. Es war Hanna Bekker vom Rath, die Wildemann über den Kontakt durch Kerkovius an eine Stuttgarter Familie vermittelte, bei der er von 1946 bis 1948 wohnen konnte. Seit 1946 trieb Wildemann mit ganzer Kraft und ausschließlich sein abstraktes Schaffen voran. Der in Berlin lose geknüpfte Kontakt zu Baumeister intensivierte sich in Stuttgart. Auf dessen Anregung konnte sich Wildemann dem Kreis um den Neurologen und Psychiater Ottomar Domnick anschließen, einem der bedeutendsten Kunstsammler und Verfechter abstrakter Kunst nach dem zweiten Weltkrieg. In seinem Stuttgarter Haus bot Domnick der Abstraktion eine Plattform, wie in der Ausstellung „Die schöpferischen Kräfte in der abstrakten Malerei“. Die Ausstellungen wurden durch Vorträge begleitet, 1947 erschien eine Publikation mit Künstler-Statements und Beiträgen zur abstrakten Kunst. Die Teilnahme Wildemanns an der legendären Wander-Ausstellung „Extreme Malerei“ im Schaezler Palais in Augsburg 1947 im Rahmen der Ausstellungsreihe „Maler der Gegenwart“ war ein wichtiger Meilenstein in seiner Entwicklung.

Galerie Maulberger Heinrich Wildemann Publikation Zeitzeugen Seite 108

Von 1946-48 erarbeitete sich Wildemann durch die Auseinandersetzung mit dem synthetischen Kubismus eines Picasso, Braque oder Gris erste abstrakte Bildlösungen (Abb. oben). 1947 war Wildemann in zahlreichen Nachkriegsausstellungen mit abstrakten Arbeiten vertreten, wie in „Moderne deutsche Kunst seit 1933“ in der Kunsthalle Bern, in „Neue deutsche Kunst“ in der Kunsthalle Mainz, in „Traum, Wirklichkeit und Abstraktion“ in der Neuen Universität Heidelberg sowie in „Abstraktion – Symbolbild“ in der Galerie Herrmann in Stuttgart, zusammen mit Bissier, Eichhorn, Fuchs, Götz und Imkamp. 1948 beteiligte sich Wildemann an der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ in München und Hamburg.

Auch 1949 war für Wildemann ein zumindest an Ausstellungen äußerst erfolgreiches Jahr. Geschichte schrieben beispielsweise „Kunstschaffen in Deutschland“ in München, „Kunst seit 1945“ in Darmstadt sowie „Deutsche Malerei und Plastik der Gegenwart“ in Köln. Die Titel der in Köln ausgestellten Arbeiten, „Aufsteigende weiße Form“ und „Vertikaler Aufbau“ von 1949 und „Linie und Fläche“ von 1948, lassen Wildemanns Interesse am Aufbau eines abstrakten Bildes, der Korrespondenz von Linie und Fläche und der Wirkung von Farben innerhalb einer Komposition, erkennen. Während in der Kölner Ausstellung in einem repräsentativen Überblick spätexpressionistische, neusachliche, surrealistische und abstrakte Strömungen aufeinandertrafen, war in der Münchner Ausstellung der Fokus weitgehend auf der Abstraktion. Wildemann war mit einem Ölbild in dieser von Stefan P. Munsing organisierten Ausstellung im Central Art Collecting Point positioniert, die im Vorfeld der Entstehung der Gruppe ZEN 49 eine entscheidende Rolle spielte.

1949 konnte sich Wildemann neben der Beteiligung an diesen breit angelegten Ausstellungen über etliche Einzelausstellungen freuen, in der Kunsthalle Regensburg, im Studio für Neue Kunst in Wuppertal, das als Übergangslösung bis zur Einweihung der Kunsthalle diente, und im Amerikahaus in Stuttgart. In der Eröffnungsausstellung der Staatsgalerie Stuttgart war Wildemann mit 3 Arbeiten präsent. Hanna Bekker vom Rath organisierte im gleichen Jahr in ihrem Frankfurter Kunstkabinett eine Präsentation von Werken von „Willi Baumeister, Victor Fontaine und Heinrich Wildemann“.

Am letzten Tag der Ausstellung „Kunstschaffen in Deutschland“, dem 19. Juli 1949, wurde zur Eröffnung der Rolf Cavael-Ausstellung in der Münchner Galerie Stangl die „Gruppe der Gegenstandslosen“ gegründet, die einige Monate später in „ZEN 49“ umbenannt wurde. Die Gründungsmitglieder waren Willi Baumeister, Rolf Cavael, Gerhard Fietz, Rupprecht Geiger, Willy Hempel, Brigitte Meier-Denninghoff und Fritz Winter. Zur ersten Ausstellung im April 1950 wurde Heinrich Wildemann neben Max Ackermann, Fathwinter, Wilhelm Imkamp und Fred Thieler als Gast eingeladen. Die Auswahl der Exponate traf der Beraterstab und kunsthistorisches Rückgrat von ZEN 49, Franz Roh, Ludwig Grote und der rührige Anthony Thwaites, der die Gründung der Künstlergruppe maßgeblich vorangetrieben hat. Ein Katalog mit einem Essay von Roh begleitete die Ausstellung, die nach München in den Städten Fulda, Wiesbaden, Mannheim, Freiburg, Konstanz, Eutin, Hamburg, Lübeck und Düsseldorf zu sehen war.

Einer der leidenschaftlichsten Kämpfer und Förderer der Avantgarde in der Nachkriegszeit war der Versicherungskaufmann Klaus Franck, mit dessen Galerie durch die Eröffnung der „Quadriga-Ausstellung“ am 11. Dezember 1952 die Geburtsstunde des Informel in Deutschland verbunden wird. Er hatte es sich in seiner privaten Zweizimmer-Wohnung zur Aufgabe gemacht, zu zeigen, „was im In- und Auslande vorgeht, auch wenn es nur ein Durchgang zu neuerlichem Wandel ist. Und gerade das bevorzuge ich, weil darin die Dynamik der modernen Kunst erkennbar wird.“

Bereits ein halbes Jahr nach der Eröffnung seiner Galerie am 24. Juni 1949 wurde Franck auf Wildemann aufmerksam und organisierte im Januar / Februar 1950 eine Doppelausstellung von Heinrich Wildemann und der Bildhauerin Doris Rücker. Ein erhaltener Briefwechsel veranschaulicht die Beziehung zwischen Galerist und Künstler. Nach seiner Ausstellung schrieb Wildemann am 16.2.1950 folgende Zeilen an Franck: „In allem, was ich zu hören bekam, habe ich den Eindruck, dass durch Ihre intensive Arbeit eine starke Auseinandersetzung sowie Beschäftigung mit meinem Schaffen bei dieser Ausstellung vor sich gegangen ist. Diese beiden Faktoren finde ich das wichtigste und wesentlichste einer Ausstellung und das Wissen befriedigt mich, dass dies bei dieser Ausstellung der Fall ist. Wenn auch manche dagegen sprechen, die Zeit und die Arbeit kristallisiert und stabilisiert das Geschaffene und zwingt zu einer Überzeugung. An einem Augenblickserfolg liegt mir nichts.“ Wildemann sprach in diesem Brief die negativen Rezensionen bezüglich seiner Ausstellung an, in denen sich teilweise absolutes Unverständnis äußerte, wie in der Abendpost zu lesen: „So ein schöner Mann malt abstrakte Bilder.“

Am 26.11.1950 teilte Franck Wildemann mit: „… und so will ich dann morgen an verschiedene Galerien schreiben betr. Ihrer Ausstellung. Ich möchte Ihnen ganz einfach vorschlagen, wenn Sie Ihre Arbeiten zusammen haben, die Sendung abzuschicken, und ich werde sehen, was sich machen lässt. Sie dürfen überzeugt sein, dass ich mein Möglichstes tun werde. Ich denke, dass sich irgendwas arrangieren lässt.“ Bereits im Februar / März 1951 sowie 1959 fanden bei Franck weitere Wildemann-Ausstellungen statt.

Galerie Maulberger Heinrich Wildemann Publikation Zeitzeugen Seite 111

Bei einigen Werken Wildemanns aus den Jahren 1948 bis 1953 ist eine intensive Auseinandersetzung mit den Gestaltungsprinzipien und der Gedanken- und Formenwelt Paul Klees und Joan Miros evident, wie auch in der „Komposition“ von 1951 (Abb. oben). Damit verfolgte Wildemann, wie die meisten seiner Künstlerkollegen der Gruppe ZEN 49, das Ziel, basierend auf der Tradition des „Blauen Reiters“, eine eigenständige abstrakte Formensprache zu entwickeln. Außer der Lektüre von Ausstellungskatalogen, die ihm beispielsweise Franck und der Sammler Schurr zuschickten, war Wildemann in dem abgelegenen Tuttlingen gänzlich auf sich gestellt. Denn zu den meisten Ausstellungen oder gar nach Paris konnte Wildemann aus finanziellen Gründen und aus einer gewissen Scheu öffentlichen Veranstaltungen gegenüber nicht reisen, um sich nach der langen Zeit der „inneren Emigration“ über die Entwicklung der internationalen Avantgarde zu informieren.

In den Jahren 1949-51 entstehen Ritzzeichnungen (Abb. unten) von Wildemann, die eine erstaunliche Modernität ausstrahlen. Wie in Mauern oder graue Sandböden geritzt, scheinen die archaisch anmutenden, geritzten Linien ihre Bahnen zu ziehen, sich zu geometrischen, elementaren Grundformen zu fügen oder sich von der Fläche in Spiralen in eine Bildräumlichkeit zu schwingen. Das Abtragen von Bildmaterial durch Ritzungen oder Kammzüge lässt tiefere Bildschichten zu Tage treten. Eine Technik, die bereits Paul Klee für sich entdeckte. Auch Fritz Winter experimentierte Anfang der 1930er Jahre und Anfang der 1950er Jahre mit dieser Art von Kipp-Effekt von Figur und Grund.

Galerie Maulberger Heinrich Wildemann Publikation Zeitzeugen Seite 112

In einer Ausstellung der Künstlergruppe „Roter Reiter“, die sich 1945 in München gegründet hat, waren in Traunstein im Jahre 1950 neben zwei Ölbildern von Wildemann zwei dieser Ritz-Arbeiten zu sehen. In einer Rezension wurden Wildemanns Ritzungen als ausgesprochene „Infantilität“ bezeichnet, eine „Blasphemie jeder Kunst, die unserer bescheidenen Meinung nach auch nicht einmal als Kostprobe in eine ernsthafte Ausstellung gehört.“ So war Deutschland zu dieser Zeit hinsichtlich der Kunst-Beurteilung durchaus gespalten, wenn man sich das „Darmstädter Gespräch“ um 1950 vor Augen führt.

Verkäufe von Wildemann-Bildern waren dementsprechend selten. Otto Stangl ließ Wildemann in Briefen von 1949 und 1951 wissen, dass er zu seinem Bedauern noch nie einen Verkauf für Wildemann realisieren konnte. Auch Hanna Bekker vom Rath, die unumstößlich an Wildemanns Kunst glaubte und ihn wiederholt nach Frankfurt einlud, hatte am 14.9.1949 nichts Erfreulicheres zu berichten: „Die Verkaufschancen sind leider immer noch sehr ungünstig und eine wirkliche Besserung ist nicht abzusehen.“ Erich Schurr, bei dessen Familie Wildemann von 1946-48 untergebracht war, schrieb Wildemann am 29.4.1950: „Es tut mir sehr leid, dass Sie so schwer kämpfen müssen. Das Interesse an Kunst wird immer geringer und ich kann mir denken, dass Tuttlingen überhaupt nicht versteht, was Sie wollen…“

In der Ausstellung „Farbige Graphik“, die von der Kestnergesellschaft Hannover 1951 initiiert wurde und die zeitgleich an 20 deutschen Ausstellungsorten zu sehen war, war Wildemann mit fünf Farbholzschnitten vertreten. Da Wildemann zumeist nur 2 bis 3 Handabzüge seiner Graphiken herstellte, waren die Aufwandkosten sehr hoch. Wildemann stellte 1953 in einem Schreiben fest: „Die Einnahmen aus dem Verkauf bei Ausstellungen übersteigen kaum die Ausstellungskosten.“ Dennoch war Wildemann in der vom Carnegie-Institute in Pittsburgh, USA, veranstalteten Ausstellung „Farbige Graphik“ mit Farbholzschnitten beteiligt. In der gleichnamigen Ausstellung im Museum Folkwang in Essen 1953 wurden 8 Farbholzschnitte von Wildemann präsentiert. Die Arbeit „Dreiklang“ wurde zwar verkauft, wie ein Brief vom 3. Juli 1954 (Abb. unten) bestätigt, doch meldete sich der Käufer nach Ende der Ausstellung nicht, so dass die Rechnung für die Graphik über 50 DM vom Museum selbst übernommen wurde.

Galerie Maulberger Heinrich Wildemann Publikation Zeitzeugen Seite 113

In einer Ausstellung von Baden-Württembergischen Künstlern in Akron, Ohio, USA, der Eröffnungsausstellung der Wuppertaler Kunsthalle und der Ausstellung „Kunst des Deutschen Ostens aus sieben Jahrhunderten“ im Haus des Deutschen Kunsthandwerks in Frankfurt / Main konnte Wildemann 1953 seine Ölbilder zeigen. In diesem Jahr entstanden Bilder, in denen Bandelemente das kompositionelle Bildgerüst tragen. Zu vergleichbaren Bildlösungen gelangten auch Rolf Cavael und Fritz Winter mit seinen „Bandzeichenbildern“ in dieser Zeit.

Die 1955 angetretene Professur an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart forderte Wildemann stark, so dass er sich in den Jahren 55/56 nur eingeschränkt auf die Entwicklung seines eigenen Schaffens konzentrieren konnte. Während der Aufbau der Bilder 1953 nur durch starke schwarze Balkenelemente gefestigt ist, verzichtete Wildemann ab 1957 auf derartige Stabilisierung. Die Farbe allein ist nun wie in „Komposition – Grau zwischen Schwarz und Weiß“ von 1958 (Abb. unten) Ausdrucksträger der großformatigen Arbeiten. Subtil abgestimmt ist die Größe der Flächen aufeinander, die miteinander korrespondieren. Zwischen den Farbflächen scheinen minimale „Fugen“ auf, die den Blick auf dunkle untere Schichten freigeben. Die Farbe ist keineswegs homogen. In zahlreichen Abtönungen und Nuancen treten die Farben in Erscheinung und lassen ein lebendiges Farbrelief entstehen.

Galerie Maulberger Heinrich Wildemann Publikation Zeitzeugen Seite 115

In Amerika hat sich zur gleichen Zeit, Mitte der 1950er Jahre, die Farbfeldmalerei entwickelt. Doch während im Color Field Painting in der Regel die Farbe, wie bei Helen Frankenthaler oder Morris Louis, direkt auf die ungrundierte Leinwand geschüttet oder gesprüht wurde, trug Wildemann die Farbe mit Werkzeugen, wie dem Spachtel, auf. Wichtig war Wildemann, den Moment des Auftragens und der Bearbeitung des Materials für den Betrachter sichtbar werden zu lassen.

Ab 1958 ging Wildemann auf seinem Weg einen weiteren konsequenten Schritt und wagte erneut einen Wandel in seiner Malerei. Die von da an entstandenen Werke lassen jeglichen formalen Bezug los und stützen sich rein auf die Präsenz der Farbmaterie. Die Farbe befreit sich völlig und scheint eigengesetzlich und selbstbestimmt ihre „Farb-Form“ auszuprägen. Wildemann ist in dieser Hinsicht dem materiebetonten, pastosen Informel zuzurechnen, das Karl Fred Dahmen, Gerhard Hoehme und Emil Schumacher zeitgleich verfolgten.

Mit dieser späten und letzten Werkphase Wildemanns beschäftigte sich Anja Rumig in ihrer Magisterarbeit der Universität Stuttgart 1992. Christiane Kärcher bearbeitete das gesamte Werk Wildemanns in ihrer Dissertation an der Universität Graz 2012. Mit Wildemanns Lehrzeit an der Stuttgarter Akademie beschäftigte sich Kärcher 2019 in ihrem Artikel „die absolute malerei ist nicht lehrbar“ im Jahrbuch des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft, Berlin.

2009 fand in unseren Münchner Räumen die Ausstellung „Heinrich Wildemann – Ein Bildkosmos“ statt, in der wir die Werkphasen von 1946 bis 1952 im Fokus hatten. In der retrospektiv angelegten Ausstellung „Heinrich Wildemann – Nur die Lebensintensität hat Formintensität“ von 2015 erweiterten wir den Blick auf seine gesamten Werkphasen von 1946 bis 1963. Zu beiden Ausstellungen erschienen Kataloge, in denen wir die Bedeutung des Werkes dieses noch zu entdeckenden Künstlers beleuchteten.

Galerieausstellungen

Cavael | Westpfahl | Wildemann – Frühwerke (2018/2019)
Heinrich Wildemann – Nur die Lebensintensität hat Formintensität (2014/2015)
Heinrich Wildemann – Ein Bildkosmos (2009)

Publikationen der Galerie

Heinrich Wildemann – Nur die Lebensintensität hat Formintensität (2014)
Heinrich Wildemann – Ein Bildkosmos (2009)

Fotonachweis:
um 1950, Nachlass Heinrich Wildemann