Otto Piene

18. April 1928 – 17. Juli 2014

Standing und Reputation der deutschen Nachkriegskunst haben im letzten Jahrzehnt eine deutliche Zunahme erfahren. Das hängt insbesondere mit dem weltweit erwachenden Interesse für das Phänomen „ZERO“ zusammen. Diese Avantgardebewegung mit dem Kern der Gruppe Heinz Mack (geb. 1931), Otto Piene (1928-2014) und Günther Uecker (geb. 1930) hatte sich von 1957-61 in Düsseldorf formiert und 1966 aufgelöst.

ZERO – AUFBRUCH IN EINE NEUE GEISTIGE ZONE

Dieser Kunstströmung geht es im Wesentlichen um die Ausdehnung des Aktionsradius von Kunst. Externe Faktoren, wie „Licht“ und „Feuer“ wurden als bildschaffende Kräfte eingesetzt. Vibration, Kinetik, Monochromie, die Vorstellung von Energiefeldern, die Einbeziehung des Raums und des Betrachters, sowie die Veränderung der Wahrnehmung beim Betrachter rückten in den Fokus dieser Kunst. Der Dialog von Künstler und Bild, welcher im Informel eine entscheidende Rolle spielte, wurde negiert. Die Bildoberfläche gerät optisch in Schwingung. Für diese, durch serielle Rhythmisierung sowie Rotoren, erreichte Wirkung prägte Heinz Mack den Begriff der „Dynamischen Struktur“. Der Künstler war nicht nur Akteur, sondern Impulsgeber und Beobachter der von ihm initiierten Vorgänge. Die Kunst von ZERO wollte grenzüberschreitend wirken. Heinz Mack hat mit diesem Fokus in seinem „Sahara-Projekt“ der „Land Art“ Boden bereitet. In „Wege zum Paradies“ schrieb Otto Piene im Jahr 1961: „… der Luftraum ist der einzige, der dem Menschen fast unbegrenzte Freiheit bietet (warum machen wir keine Kunst für den Luftraum, keine Ausstellung im Himmel?…“. Der damals geäußerte Traum, die Unendlichkeit des Himmels für Kunstprojekte zu erschließen, hat sich in der von Piene entwickelten „Sky Art“ im Laufe der 1960er Jahre bereits erfüllt.

NEUBEWERTUNG VON ZERO

Der Countdown der Neubewertung von ZERO auf dem Kunstmarkt fand im Februar 2010 in einer Auktion bei Sotheby`s in London statt, in der ZERO-Werke aus der Sammlung Lenz Schönberg Spitzenpreise erzielten. Erstmals nach der Kunst der Brücke, des Blauen Reiters und des Bauhauses konnte sich eine deutsche Kunstströmung international auf dem Kunstmarkt durchsetzen. Die ästhetisch-sinnliche Wucht, spirituelle Aura und philosophische Dichte der Werke von ZERO konnten 2013 in zahlreichen Ausstellungen erlebt werden, wie in der großen Schau „Dynamo“ im Grand Palais in Paris und „ZERO“ in der Pariser Passage de Retz, sowie in drei ZERO-Ausstellungen in Brasilien, u.a. im Museu Oscar Niemeyer in Curitiba.
Ein weiteres Highlight in der Ausstellungsgeschichte der Künstlergruppe wird die Ausstellung „ZERO. Countdown to Tomorrow. 1950s-60s“ sein, die vom 10. Oktober 2014 bis 7. Januar 2015 im Guggenheim-Museum in New York, vom 21. März bis 8. Juni 2015 im Martin-Gropius-Bau in Berlin und anschließend im Stedelijk-Museum in Amsterdam zu sehen ist.
Inmitten der Freude über die hohe Wertschätzung, die die Künstlergruppe ZERO derzeit genießt, erreichte uns am 17. Juli die traurige Nachricht vom Tod Otto Pienes. Ein Tag nach der großen Eröffnung der Berliner Doppelausstellung „More Sky“ in der Neuen Nationalgalerie und der Deutschen Bank KunstHalle und zwei Tage vor dem geplanten „Sky Art Event“ mit „Luftplastiken“ auf dem Dach der Nationalgalerie starb der große Licht-Künstler. Wie kaum ein anderer Künstler erstrebte Otto Piene die „Reinheit des Lichts“, und damit die Entmaterialisierung der Kunst. Sein an die Wand projiziertes „Lichtballett“, in dem Licht durch sich drehende Lochrasterscheiben dringt, verzauberte bereits 1959 ihre Betrachter.

DIE PHILOSOPHIE VON ZERO ZIEHT IN DIE WELT

Für Piene war Kunstschaffen immer ein geistiger, philosophisch durchdrungener Akt. Dem entspricht seine Abneigung gegen jegliches „Gruppendenken“ oder gar einen „Stil“. Piene bezeichnete „ZERO“ in einem Interview von 1962 lediglich als einen „Standpunkt“: „… Denn ZERO war ja ein Zustand der Toleranz und damit eine Haltung, die keinem vorschrieb, was er zu tun oder zu lassen hat…“. Das wichtigste Kriterium der Zugehörigkeit bestand also im Konsens mit den Zielen von ZERO. Diese Haltung der ZERO-Künstler und ihr großes internationales Engagement ließ ein europaweites Netzwerk und intensive Kontakte zu Gruppen mit ähnlichen künstlerischen Intentionen entstehen.
Otto Piene besuchte von 1948 bis 1950 die Hochschule für Bildende Künste in München und anschließend die Staatliche Kunstakademie in Düsseldorf. 1957 absolvierte er sein Philosophiestudium an der Kölner Universität. Ab diesem Jahr entstanden Pienes erste Rasterbilder, bei denen sich die Farbe durch eine Rasterschablone gleichsam dem Bild einprägte. Den Künstler interessierte hierbei die unterschiedlichen Lichtwerte der Farbe und die entstehende Schwingung zwischen Bild und Betrachter.
Ab 1957 organisierten Mack und Piene die legendären neun „Abendausstellungen“ mit verschiedenen Themen wie das „Das rote Bild“ und „Vibration“, mit denen sich im April und Oktober des Jahres 1958 die Zeitschriften ZERO I und ZERO II begleitend auseinandersetzten. Die Zeitschrift ZERO III mit dem Titel „Dynamo, bei der neben Mack, Piene und Uecker, Enrico Castellani, Lucio Fontana, Yves Klein, Piero Manzoni, Jean Tinguely und viel mehr mitwirkten, erschien im Jahre 1961 zu einem ambitionierten Ausstellungsprojekt in der Galerie Schmela in Düsseldorf. In den 1960er und 1970er Jahren erhielt Piene einige Lehraufträge in den USA, u.a. am renommierten Massachusetts Institute of Technology in Boston. 1974 übernahm er dort den Posten des Direktors des neu gegründeten „Center for Advanced Visual Studies“, den er zwanzig Jahre lang innehielt. Hier konnte er seine Vorstellungen der Durchdringung von Natur, Kunst und Technik unter Zuhilfenahme fortschrittlicher Technologien und Medien umsetzen. Gewissermaßen als eine Fortführung des „Lichtballetts“ ist der 700m lange „Olympia-Regenbogen“ zu sehen, der in der Schlussfeier der XX. Olympischen Spiele im Jahr 1972 den Himmel überspannte.

PIENES TRAUM VON EINER BESSEREN WELT

Otto Pienes Kunst berührt, erhebt und eröffnet neue Perspektiven, so wie Piene 1961 in „ZERO III“ formulierte: „… Ich habe etwas Reales anzubieten: statt Verengung des Blickes, statt Absorption das Schauen in ein Gebendes, Strömendes, Pulsierendes; nicht das Schrumpfen der Welt in den Zellen der menschlichen Vorstellung, sondern die allseitige Expansion, das Katapultieren des Schauenden in den Raum, wo freier Atem ist. In diesem Himmel ist das Paradies auf Erden.“

SONDERAUSSTELLUNG OTTO PIENE BEI MAULBERGER

In der „Hommage an Otto Piene“ erinnerte die Galerie Maulberger mit einer Einzelshow auf der 59. Kunst-Messe München an diesen großen ZERO-Künstler. Frühe Rauchzeichnungen, Feuerbilder und Feuergouachen aus dem Zeitraum der Zero-Zeit bis 2000 vermittelten einen Einblick in Pienes bildnerisches Schaffen.

Galerieausstellungen

Gruppenausstellung

ZERO – Aufbruch in eine neue geistige Zone (2013)

Publikationen der Galerie

ZERO – Aufbruch in eine neue geistige Zone (2013)

Fotonachweis:
Maren Heyne